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Der Wanderer > pdf Er hatte keinen Namen. Wenn er danach gefragt wurde, antwortete er: „Ich erinnere mich nicht. Ich bin einfach 'Der Wanderer'.“ Zeit seines Lebens war er gewandert über Stock und Stein. Meistens war er alleine unterwegs, doch manchmal begegneten ihm eine andere Wandersfrau oder ein anderer Wandersmann; und dann gingen sie ein Stück gemeinsam des Weges. Sie sprachen über das Wetter und ob wohl heute noch ein Gewitter aufzöge. Oder sie erzählten sich Geschichten und tauschten sich aus über ihre Erfahrungen. Zwischendurch legten sie eine Pause ein, setzten sich auf einen Stein, assen ein Stück feines Brot und labten sich am Wasser aus ihrer Trinkflasche. Der Wanderer war gerne mit solchen Gefährten unterwegs, doch noch lieber wanderte er ohne jede Ablenkung. Denn Menschen konnten ziemlich anstrengend sein! Nie verlor der Wanderer sein Ziel aus den Augen. Auch wenn er sich des öftern verirrte, weil er die Koordinaten auf seiner Landkarte falsch gelesen hatte, so kehrte er doch immer auf den vorgegebenen Wanderpfad zurück. Die Menschen fragten ihn, woher er denn komme und wohin er denn wolle. Doch das verriet er ihnen nicht. Er wollte nicht, dass sie ihm womöglich folgen würden und er seine Begleiter nicht mehr loswerden würde. Also schwieg er beharrlich bei dieser Frage. Eines Tages, als der Wanderer schon ziemlich müde war, heftete sich ein kleines Wesen an seine Fersen. Wie ein Zwerg sah dieses Wesen aus. Mit Zipfelmütze und weissem Bart und freundlichen Augen. Das Erstaunliche war, dass der Zwerg, obwohl er viel kleiner war, mit dem Tempo des Wanderers Schritt halten konnte. Leichtfüssig trippelte er dahin und hatte sogar noch genügend Schnauf, um fröhlich um den Wanderer herumzutollen. Erst wunderte sich der Wanderer über dieses eigenartige Wesen, doch schon bald gewöhnte er sich an dessen Anwesenheit. Tagsüber wanderten sie fortan gemeinsam über Stock und Stein. Und in der Nacht kuschelte sich der Zwerg in die Armbeuge des Wanderers und schlief mit einem seligen Lächeln ein. Und nie kam auch nur ein Wort über seine Lippen. Der Wanderer teilte Brot und Wasser mit dem lustigen Wesen und konnte sich mit der Zeit gar nicht mehr vorstellen, seine Wanderschaft alleine fortzusetzen. Mehr noch, er spürte, er würde den Zwerg schmerzlich vermissen. Doch einmal, als der Wanderer gerade im klaren Fluss seine Füsse kühlte, setzte sich das Zwergenwesen auf sein Knie und schaute dem Wanderer tief in die Augen. Dann sagte es: „Ich bin gekommen, um mit Dir zu gehen.“ Diesen wundersamen Satz wiederholte es dreimal, dann sprang es vom Knie des Wanderers und setzte sich ins Gras. Fortan schwieg es wieder. Bis zum Ende der gemeinsamen Reise sagte es kein weiteres Wort mehr. Und wenn DU auf DEINER Wanderschaft innehältst und still wirst und horchst, dann hörst Du das Echo des Zwergenwesens: „Ich bin gekommen, um mit Dir zu gehen.“ Und Du lächelst und fühlst Dich gut, weil Du weisst, auch Du bist niemals ganz alleine unterwegs.
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